Das große Gespräch
Nikolaus Ziegert
Inhaber und Gründer von ZIEGERT
Herr Ziegert, neben Immobilien schlägt Ihr Herz für die klassische Musik. Sie nehmen sogar Dirigierunterricht. Was schätzen Sie an dieser Erfahrung?
Der Unternehmer hat mit dem Dirigenten in gewisser Hinsicht eines gemeinsam: Beide versuchen, Stimmen, Instrumente und verschiedene Charaktere in eine gemeinsame Harmonie und einen einheitlichen Rhythmus zu überführen und tragende Melodien zu finden.
Wie kann das Dirigieren bei der Leitung eines Unternehmens helfen?
Ich sehe das Dirigieren als Dienen gegenüber der Musik. Die Frage lautet nicht, wie dirigiere ich gut, sondern, wie kann man Musik bestmöglich zum Klingen bringen?
Was bedeutet das?
In der heutigen Welt sind wir dazu verleitet, Dinge direkt und frontal anzugehen. Ich bin der Meinung, man tut gut daran, eine abwartende, also dienende Haltung bei der Problemlösung einzunehmen. Man kann sich einer Herausforderung viel sinnvoller über einen Bogen nähern. Diese Dynamik entstand auch in der Ziegert Group. Aus der Komfortzone kommt man nicht heraus, wenn jemand pusht, sondern wenn die Themen so spannend sind, dass sie einen leiten.
Mit welcher musikalischen Vortragsweise kann man am besten die Geschichte der Ziegert Group in den letzten dreißig Jahren beschreiben: langsam, schleppend oder stürmisch bewegt?
Mir fällt die klassische, dreiteilige Sonatenform ein, aus der eine Sinfonie gestaltet ist: Im ersten Satz geht es sehr streng zu. Das Hauptmotiv klingt an. Wir haben es ähnlich bei der Gründung vor dreißig Jahren gemacht und die Bühne Immobilie sehr gut abgesteckt – nicht nur aus wirtschaftlicher Motivation heraus, sondern auch aus reiner Freude an der Sache.
Wie ging das genau vonstatten?
Man hat einfach gesehen, hier kannst du noch investieren, Interior gestalten, da eine Beratung anbieten, Research betreiben – wir haben das Ganze breit, und wie ich meine, klug aufgebaut. Dann kommt eben der zweite, der langsame Satz der Sinfonie. Man steigt in die Tiefe der Themen ein, schärft die Potenziale, durchdenkt die gesellschaftliche Dimension. Dann folgt das Menuett mit dem tanzenden Satz, einer spielerischen Komponente. Sehr passend! Wir haben mit Ziegert viel ausprobiert. Beim Finale legt das Tempo noch mal so richtig zu. Presto! Es sind schon stürmische Zeiten. Bauboom, Digitalisierung, Start-ups, junge Leute, die in der Branche mitmachen wollen, aber auch das Konzept eines urbanen Lebensstils in die Immobilienbranche einbringen. Da geben wir auch gerne noch mal Gas.
Haben Sie sich bei der Gründung der Unternehmung Ziegert solch eine Professionalisierung ausgemalt?
Nein, der Appetit kam beim Essen. Zu Beginn teilte ich mir noch zwei Büroräume mit einer Empfangsdame. Aber: Ich hatte Lust auf eine Revolution! Damals wurde das Geld vorwiegend in festverzinsliche Wertpapiere investiert. In Aktien, Derivate. Ich habe gespürt: Das wird nicht so bleiben.
Dann lieber Investments zum Anfassen.
Ja. Denn je mehr Sie sich in einen virtuellen Finanzbereich begeben, desto mehr sind Sie auch abhängig. Für mich ist die Immobilie das stabilste, nachhaltigste und wirtschaftlich attraktivste Investment in die Zukunft – nicht nur für mich, auch für meine Kunden und Partner. Bis heute haben wir ihre Vielschichtigkeit längst noch nicht vollumfänglich erkannt. Erst langsam entdecken wir, dass sie sich als Finanzvehikel, internationale Währung und Sicherheit eignet und durch Architektur, Design und Persönlichkeit selbst künstlerische Verwirklichung bietet.
Vom Marktführer Berlins bis hin zu einem internationalen Dienstleister. Hat der Standort Berlin diesen Aufstieg begünstigt?
Es ist schon faszinierend! Der Immobilienmarkt in Berlin war am Boden, um dann wie ein Phönix aus der Asche zu steigen. Heute hat man das Gefühl, dass der Aufschwung zu lange andauert. Das resultiert aus der Tatsache, dass wir so weit unten eingestiegen sind.
Wie beurteilen Sie Deutschland im internationalen Vergleich? Es gibt nicht viele Unternehmen in Ihrer Branche, die so aufgestellt sind.
Deutschland bietet definitiv noch Entwicklungspotenzial. Meine Vorbilder waren von Anfang an internationale Unternehmen wie Knight Frank. So haben wir uns langsam zu einem innovativen und allumfassenden Dienstleister entwickelt, mit Services und Beratungskomponenten, die Kunden heute schon und in der Zukunft noch mehr nachfragen werden. Vom Bauträger über Investoren bis hin zum Endkunden, den wir weiter im Blick behalten.
Worauf legen Sie mittlerweile Wert bei der Auswahl und Entwicklung von Immobilien?
Das frühe Momentum ist relevant. Am Anfang einzusteigen, Denk- und Gestaltungsansätze einzubringen und die Projektentwicklung zu begleiten: Nur so werden größere Verzögerungen in der Planung vermieden, und man wird der Wertschöpfungskette und Zielgruppe wirklich gerecht. Wenn alle relevanten Partner an einem Strang ziehen und ein spezielles Produkt optimal entwickeln, wird das Projekt zum Erfolg für alle Beteiligten.
Wo kann sich die Expertise von Ziegert in Zukunft am besten entfalten?
Überall dort, wo Stadtentwicklung sichtbar wird. Wo es relevant ist, wie sich ein Projekt auch architektonisch in ein Stadtbild einfügt. Wie etwa beim Hochhausprojekt FOUR in Frankfurt, wo wir schon zwei Jahre vor Beurkundung in die Planung integriert waren und unsere Expertise voll ausspielen konnten. Oder jetzt in den Beelitzer Heilstätten, wo ein neues visionäres Quartier entsteht, wo es den Genius Loci neu zu ergründen gilt. Man muss sich von folgender Frage inspirieren lassen: Wie könnte dieser Ort in zehn, in fünfzig oder hundert Jahren aussehen? Wir bauen ja für diese Zeit! Das muss man sich mal bewusst machen. Unglaublich, welche Verantwortung gefragt ist. Wir führen deshalb für Bauträger und Investoren auch Architekturwettbewerbe durch. Wie etwa bei dem neuen Quartier Gut Buchholz, das ganz im Zeichen von gesundem Wohnen steht. Dabei haben wir außerordentliche Ergebnisse erhalten. Mit Architekten, die den Raum als Kristallisationspunkt aller Potenziale sehen und das Panorama der Zeit erkennen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bringen sie zusammen.
Was hat sich seit den 1990er-Jahren im Hinblick auf die Finanzierung von Projekten mit strategischen Partnern geändert?
Die Branche hat sich professionalisiert: Partner, Investoren und Bauträger sind heute mehr denn je fachkundige, anspruchsvolle Akteure. Wir haben heutzutage viele internationale Investoren, die teilweise Jahrzehnte an Erfahrung mitbringen. Projekte haben eine andere Größenordnung angenommen. Es gibt kaum noch Hobbyentwickler. Dadurch, dass Finanzierungsmodelle wie Equity, Mezzanine, Junior Loan, Senior Loan vielfältiger und komplexer geworden sind, wachsen auch die Ansprüche an die Projektentwicklung. Hier setzen wir an. Über die Jahre ist aus Partnerschaften eine dauerhafte Zusammenarbeit auch mit Investoren entstanden, nachdem diese immer stärker den Wunsch geäußert haben, dass wir uns hier einbringen. Wir haben das Know-how mit unseren Finanzierungsexperten – mit unserer Erfahrung und unseren Kontakten zu Finanzierungspartnern und Banken. Diese Verbindungen bieten wir natürlich Investoren und Bauträgern an. Wir konzipieren ein Projekt entsprechend der Ausgangssituation. Mit einem Finanzmodell, das rund läuft, und der anschließenden Realisierung.
Wie sieht die Immobilienvermittlung der Zukunft aus? Brauchen wir noch die klassischen Agenturen?
Die Maklerbranche wird eine starke Disruption erleben, stärker als andere Branchen. Etwas verzögert, weil sie sich beharrend verhält. Auf Disruption kann man auf zwei Arten reagieren: abwarten, bis es so weit ist. Oder: gestalten. Das wollen wir tun! Uns heute schon fragen, welche Ideen und kundenorientierte Ansätze die Zukunft bestimmen. Der digitale Wandel birgt die Möglichkeit, den Kunden zu entdecken, auch neu zu entdecken, was er wirklich will, ihm eine Welt der Immobilien zu eröffnen, damit er sie erobern kann. Wie bei der Sinfonie: Wenn du sie zum ersten Mal hörst, dann hörst du sie nicht wirklich. Du musst es erst lernen. Und das hat etwas mit Ausbildung, Verständnis, Übung und Hinführung zu tun.
Man soll sich besser in den Kunden hineinhören?
Ja. Aber nicht nach dem Motto: Wie kann ich den Kunden in möglichst kurzer Zeit emotionalisieren und zu einem Abschluss kommen? Das wäre ein trauriges Ergebnis. Der digitale Wandel ermöglicht Mehrdimensionalität in der Kundenkommunikation und hilft dabei, die Entscheidungsfindung fundierter und nachhaltiger zu gestalten. In unserem Markt ist diese ja gewaltig. Darüber täuschen wir uns manchmal hinweg. Aber 90 Prozent der Menschen, die eine Immobilie kaufen könnten, tun es nicht, weil der Prozess nicht entsprechend unterstützt und begleitet wird. Es fehlt oftmals eine persönliche und gleichermaßen strukturierte Beratung. Unsere Antwort darauf ist unser erstes Start-up: EverEstate.
Ist EverEstate ein Ergebnis des tiefen Hineinhörens in den Markt?
Ja, in den Menschen, der eine Immobilie kauft. Mit EverEstate wollen wir Kunden insbesondere im fragmentierten Altbausegment eine exzellente und effiziente sowie digitale Unterstützung beim Entscheidungsprozess bieten. Dabei profitieren Kunden von der Erfahrung, die wir in der klassischen Vermittlung und Beratung – die nach meiner Überzeugung gleichzeitig bei komplexen Neubauprojekten in Zukunft noch wichtiger wird – über viele Jahre haben sammeln dürfen.
Digitale Tools sind auf dem Siegeszug und ersetzen in manchen Bereichen menschliche Expertise. Wie wichtig ist noch das persönliche Gespräch zwischen Käufer und Berater im Zeitalter von Algorithmen?
Die Fragen lauten für mich: Welche Komponenten im Maklerprozess sind ersetzbar? Welche Fähigkeiten muss der Makler entwickeln, die er heute noch nicht hat? Algorithmen werden teilweise überbewertet. Sie sind eine schöne Hilfestellung, wie ein Krückstock beim Gehen. Aber die Karten werden neu gemischt: Einerseits wird der Kunde eine viel qualifiziertere Entscheidung treffen. Gut so. Auf der anderen Seite wird er den neuen Freiraum nutzen, um mit einem Berater zu diskutieren: Das heißt, die Anforderungen an einen Berater und seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten werden in Zukunft immens wachsen.
Angenommen, eine künstliche Intelligenz wäre in der Ziegert Group in Zukunft für das Recruiting zuständig. Würde diese Sie heute noch einstellen?
Ich würde mich schon kritisch sehen, weil ich vieles, was normal und gewöhnlich ist, infrage stelle. Aber: Ich bin auch ein freier Denker, der Potenziale entdeckt, zudem Künstler und Kreativling. Insgesamt ein Ideengeber, den wir hier gut gebrauchen können. Also, ja!
Ein roter Faden in der Unternehmensgeschichte – Sie haben ein Faible für Quereinsteiger!
Ich habe ein Faible für Ungewöhnliches, für Diversität, Kreativität, Verrücktheit und Visionen. Mein CFO, der konservativste Teilnehmer der Unternehmung, hat mir gesagt, er sei überrascht darüber gewesen, wie ich so bin. Jetzt habe er sich aber daran gewöhnt.
In Oslo sind 70 Prozent der Menschen Immobilienbesitzer, in Berlin sind es lediglich 15 prozent. Wie sehr würde sich die Identität einer Stadt verändern, wenn es mehr Wohneigentümer gäbe?
Die Menschen würden mehr Verantwortung und eine größere Verbindung zu ihrem Umfeld verspüren. Freude und Sicherheitsgefühl wären sicherlich stärker ausgeprägt. In diesem Zustand kann ein Mensch mehr verwirklichen, Verantwortung übernehmen, sich in die Gesellschaft besser einbringen. Diese Vorstellung scheint mir in Oslo verwirklicht. In diesem Zusammenhang kann die Stadt ein Vorbild sein.
Die Welt wird immer schneller: flexibel bleiben, in eine andere Stadt gehen, neue Berufe erlernen. Bleiben heißt, das intensive Leben zu verfehlen – das souffliert zumindest der Zeitgeist. Wie zeitgemäß ist Wohneigentum?
Wir sind heute dazu verleitet, viel durch die Welt zu jetten und ständig überall zu sein, nur nicht bei uns selbst. Ich glaube daran, dass man eine gute Weltoffenheit entwickeln kann, wenn man bei sich selbst angekommen ist. Wenn man weiß, wo man zu Hause ist. In dem Dreiklang Geist, Körper und in einer eigenen Wohnung. Dann ist die Welt eine perfekte Ergänzung, in der ich mich frei entwickeln kann. So wie die klassische Musik den verschiedenen Motiven Raum bietet.
Gerade die jüngeren Generationen verbinden mit einem Zuhause mehr ein Gefühl als einen festen Ort. Geht der Trend zu mehr Nomadentum?
Die Menschheit kommt aus einem Nomadentum. Solche Ansätze wird es immer wieder geben. Ich denke, wir müssen zu einer anderen Reifung kommen. Der Verbund mit der Natur wird ein größerer Trend werden. Ansätze dazu sehe ich schon in der organischen Architektur. Hans Scharoun und Frank Gehry haben das in ihren Werken gezeigt. Sowohl in der Philharmonie von Scharoun sieht man das als auch in seinen Wohnungsbauten. Auch bei Frank Gehry mit seinem unfassbar schönen Pierre Boulez Saal und seiner organischen Formgebung
Neben Ihrer Liebe zur Musik schlägt Ihr Herz für Kultur, die Sie auch finanziell fördern.
Ja, um die Verbindung zu diesen tollen Menschen hier in der Stadt zu unterstützen und zu begleiten. Berlin hat so unfassbar viel zu bieten, das wird noch gar nicht hinreichend wertgeschätzt.
Gibt es für Sie einen Zusammenhang zwischen dem Wohn- und Kulturangebot in einer Stadt?
Das hängt stärker zusammen, als zum Beispiel manchem Berliner bewusst ist. Wir werden in der Stadt getragen davon. Es ist das substanzielle Lebensgefühl. Deswegen haben wir natürlich auch die Verantwortung, als wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen immer etwas zurückzugeben und dieses Angebot zu fördern.
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