Ein Pionier des Bio-Bauens
Eike Roswag-Klinge
Leiter und Mitbegründer des Architektur- und Ingenieurbüros ZRS
Die Zukunft wird aus Holz gebaut – und anderen Naturstoffen. Der Architekt Eike Roswag-Klinge hinterfragt konventionelle Bauweisen und arbeitet daran, wie wir schon heute klimagerecht und gesund wohnen können.
Herr Roswag-Klinge, mit einem Team aus Architekten und Ingenieuren haben Sie sich mit dem Büro ZRS weltweit einen Ruf als Pionier des klimagerechten Bauens erarbeitet. Was ist Ihr Anliegen?
Ich war seit jeher an einem ernsthaften gesellschaftlichen Wandel interessiert, der tiefer ansetzt. Jedes Gebäude hat eine politische Aussage. Es prägt seine Umgebung vom Quartier zur Stadt und hat Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dazu muss ich mich als Architekt verhalten. Es reicht nicht mehr, nur hübsche Häuser zu bauen. Es braucht mehr Haltung.
Was muss sich ändern?
Der Bausektor ist verantwortlich für den Verbrauch von knapp 50 Prozent aller Ressourcen, die wir nutzen, um zu existieren. Die Frage ist: Wie setzen wir sie ein? Fliegen, Ernährung ist eine Seite der Klimadebatte, aber einen wichtigeren Beitrag kann der Bausektor leisten. Allein die Herstellung von Beton, Zement und vor allem Stahl frisst sehr viel Energie. Der Abriss von Gebäuden mit robusten Strukturen ist verantwortungslos. Wir achten nicht auf Ressourcen, wir bauen Müll – allein die Verbundstoffe, die wir in Häuser hineinpacken und nur noch mit ungehörigem Aufwand wieder trennen können. Wir müssen als Architekten und Ingenieure radikaler denken.
Andere Baustoffe, die Ihrer Meinung nach eine Menge Probleme lösen können, sind Holz und Lehm.
Ich bin kein Dogmatiker. Als gelernter Tischler baue ich keine Holzhütte zum Selbstzweck. Wir brauchen eine Materialoffenheit: Zement muss da eingesetzt werden, wo wir ihn benötigen, und auch Beton. Aber wir brauchen andere Naturstoffe, um das Problem zu lösen. Es muss ja nicht um 2 Prozent besser werden, sondern um etwa 80 Prozent. Holz wächst nach und man kann es nachhaltig erzeugen. Es dient als CO 2 -Speicher und beeinflusst das Raumklima positiv. Der rasante Technologiefortschritt der vergangenen Jahre ermöglicht sogar die Verwendung im Bau von Hochhäusern. Holz gehört die Zukunft.
Über welche Eigenschaft verfügt Lehm?
Lehm ist als Ressource global verfügbar. Er kann als reversible Konstruktion genutzt werden. Mit Wasser kann man ihn quasi immer wieder neu verarbeiten. Die Fähigkeit, Feuchte und Temperatur zu steuern, verhindert, dass Häuser auffeuchten, was heutige Häuser gerne tun, wenn sie luftdicht gebaut sind. So kann Schimmel in den Häusern ausgeschlossen werden, ein Risiko vieler konventioneller Baustoffe.
Sie bauen ein neues ressourcenschonendes Quartier, GUT BUCHHOLZ in Berlin- Pankow. Wie setzen Sie Ihre Ideen dort um?
Zunächst bieten wir kompakte Grundrisse an. Jedes Gebäude ist sehr ökologisch in seiner Ganzheitlichkeit. Der erdberührende Bauteil besteht aus Beton. Von dort werden die kompletten Häuser in Holz und größtenteils auch mit Lehm ausgestattet. Zur Dämmung benutzen wir Stroh, Zellulose, Holz- oder Hanffasern, schnell nachwachsende Rohstoffe, die eine thermische Performance im Sommer und Winter garantieren. Die Innenwände werden mit Lehmputz ausgestattet, die Bewohner können auf Wunsch verschiedene Varianten wählen. Der Feuchtetransport macht eine Lüftungsanlage unnötig. Es entsteht ein ganz natürliches gesundes Raumklima.
Glauben Sie, dieses Projekt wird Schule machen? Nach dem Bio-Essen kommt jetzt das Bio-Wohnen?
Es erfordert ein Umdenken: weiterverwenden statt wegwerfen. Viele Produkte auch im Bauwesen sind heute auf Konsum angelegt. Wir kennen das zum Beispiel von Handys und anderen elektrischen Geräten. Mancher Designer arbeitet nicht an der Dauerhaftigkeit, sondern baut eine Belastungsgrenze von etwa zwei Jahren ein, damit das Produkt auseinanderfällt und man das nächste kauft. Legt man andere Maßstäbe auch im Bausektor an und rechnet Bau, Betrieb und Rückbau eines konventionellen Gebäudes auf den Lebenszyklus mit an, dann ist der urbane Holzbau heute schon günstiger als konventionelles Bauen.
Wie werden wir also in Zukunft leben?
Das Gebäude wird ein Ressourcenspeicher sein. Es gewinnt an Wert über Jahrzehnte. Wenn ich das Haus heutzutage in Beton gieße, wird es zum Problem für meine Nachfahren, wenn sie es verändern oder rückbauen wollen. Zudem hat es einen großen ökologischen Fußabdruck. Wir arbeiten hingegen an Gebäuden, die oftmals mehr Energie über ihre Hülle gewinnen können, als sie im Verlauf des Jahres brauchen.
Wie weit sind wir schon?
Ich glaube, die Gesellschaft hat Lust, in diesen Wandel zu gehen. Anstatt die Frage zu beantworten, warum man mit Holz bauen soll, wird man sehr bald begründen müssen, warum man konventionell bauen will. In Berlin haben wir neulich ein Bürogebäude und eine Schule aus Naturstoffen gebaut. Die Zeit ist reif dafür. Berlin kann die Hauptstadt des urbanen Holzbaus werden.
Nachhaltig gebaut: Betriebsgebäude Artis
Ressourcenbewusstes Quartier GUT BUCHHOLZ
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