„Wir schenken Zukunft“
Bjarke Ingels
Architekt und Leiter des Architekturbüros Bjarke Ingels Group
Bjarke Ingels ist einer der weltweit gefragtesten Architekten. Er entwirft preisgekrönte Hochhäuser, Kraftwerke, die gleichzeitig Skipisten sind und menschliches Leben auf dem Mars. Im Interview erklärt der Däne, was seine Architektur mit Schenken zu tun hat.
Herr Ingels, bringen Sie den Funk in die Funktion?
Interessant. Vielleicht kann man es so sagen.
In ihrem Konzept von Formgivning, deutsch Formgebung, erfüllt Architektur nämlich nicht nur eine Funktion. Wie geht Ihr neues Gebäude in Bordeaux, das MÉCA, über das Briefing hinaus?
Ein Gebäude erfüllt zunächst einen Zweck. Beim MÉCA erhalten drei Kulturinstitutionen an einem Ort ein neues Zuhause. Doch dann kann das Gebäude etwas aufnehmen, das nicht Teil des Auftrags ist. In der Mitte des Gebäudes befindet sich das Urbane Zimmer. Ein gemeinsamer Raum, der durch Rampen miteinander verbunden ist. Stellen Sie sich hier einen Kunstmarkt vor, Filmprojektionen oder Konzerte. An diesem Ort ist die ganze Stadt willkommen. Es ist offen für einen Teil der Kultur von Bordeaux, der bisher nicht in den Institutionen stattfindet. Wir holen die Kultur in die Stadt – und bringen die Stadt zur Kultur.
Das Gebäude reift also mit der Zeit?
Je mehr Aktivität, desto mehr verwandelt sich das Gebäude in das, was es sein kann. Der Looping ist wie ein Rahmen, der eine Bühne für das tägliche Leben bereitet.
Was ist der Unterschied zu Mehrwert?
Formgebung gibt eine Ahnung von der Macht des Architekten. Es ist keine politische Macht, wir schreiben nicht die Regeln, keine wirtschaftliche, wir schreiben nicht die Schecks. Wir geben etwas eine Form, das bisher noch keine Form gefunden hat. Wir schenken Zukunft. Das trifft bei all unseren Projekten zu. Es gibt immer mindestens ein Geschenk, welches das Projekt definiert. Unsere Gebäude lösen ein Problem, aber was sie in die Zukunft weist, ist die Idee des Geschenks.
Klingt nach einer Architektur der Großzügigkeit. Ein Beispiel, bitte.
Auf dem Dach eines Kopenhagener Müllheizkraftwerks haben wir eine Skipiste errichtet. Die Müllverbrennung dort ist so sauber, es ist die sauberste Anlage auf dem Planeten. Von einem gewöhnlichen Kraftwerk hält man sich so weit wie möglich fern. Aber in Kopenhagen konnten wir etwas Anderes machen: die erste Skipiste in einem Land, das komplett flach ist.
Wie entstehen solche Ideen?
Wir erinnern uns daran, Fragen zu stellen. Andere Fragen, die zu neuen Antworten führen. Es gibt einen guten Begriff aus dem Management für das Gegenteil: begabte Inkompetenz. Wenn du so gut bist, in dem was du tust und das schon sehr lange. Wenn man denkt, man weiß alles, entstehen die größten Fehler.
Der deutsche Dichter Rilke riet einem jungen Poeten, „Geduld zu haben gegen alles Ungelöste“ und zu versuchen, die „Fragen selbst zu lieben“. Ist es das: offen zu sein, für Überraschungen im Designprozess?
In der Architektur arbeitet man in Maßstäben. Man beginnt mit 1:1000 und endet bei 1:1. Alle wollen anfangs alles wissen. „Wie wird es aussehen? Was ist das Detail, das Material?“ Als Architekt muss man Aussagen treffen. Wenn die Dinge nach vielen Wochen Arbeit nicht so enden, wie am Anfang gesagt wurde, denken die Leute, man habe versagt. Dabei hat man einfach mehr Informationen gesammelt, gelernt und andere Einsichten gewonnen. Es ist wichtig, am Anfang nicht alles überzudefinieren. Wir wollen die Welt eines Projektes schrittweise verändern, sie praktischer, offener und spannender gestalten.
Glauben Sie, dass Architektur die Herausforderung des Klimawandels lösen kann?
Ein einzelnes Gebäude kann es nicht. Architektonisches Denken schon. Ein ganzheitliches Denken in größerem Maßstab. Die Zeit ist reif dafür. Wir arbeiten mit den Vereinten Nationen an schwimmenden Städten und entwerfen Leben auf dem Mars. Mit den richtigen Leuten, Wissenschaftlern, globalen Organisationen, Unternehmen könnten wir tatsächlich ... einen Masterplan für den Planeten erstellen.
Das klingt nach der ultimativen architektonischen Herausforderung.
Man denke an die Zeit, in der wir Kathedralen bauten. Allein der Bau von Notre-Dame dauerte 180 Jahre. Was wäre passiert, wenn die Menschen ohne Bauplan gearbeitet hätten? Tausende wären mit Eimerchen, Schaufeln und Hämmern dagestanden und hätten ein Chaos verursacht. Und jedes Mal, wenn der Architekt gestorben wäre, würde man sich die gleiche Frage stellen: „Was bauen wir eigentlich hier?" Der Umgang mit dem Klimawandel ohne einen einheitlichen Masterplan auf globaler Ebene ist wie der Versuch, eine Kathedrale ohne Bauplan zu bauen.
Was bedeutet das genau?
Früher war die Erde zu groß. Wir konnten sie nicht überblicken. Die ersten Astronauten betrachteten sie aus dem All und der “overview effect” trat ein und änderte das Denken. Sie konnten ihr Zuhause als Objekt begreifen. Heutzutage liefern Unternehmen täglich Bilder und Big Data von der Erde. Wir können die Ausbreitung von Waldbränden, Dürren oder Wüstenbildung überwachen. Wir können anfangen, die Erde als Designobjekt zu betrachten und einen Masterplan erstellen, der ein neues Gleichgewicht schafft.
Was würde es dafür brauchen?
Die schlechte Nachricht: das Anthropozän. Unsere Präsenz auf der Erde verändert das Klima auf eine Art wie nichts dergleichen. Die gute Nachricht jedoch: Wir haben die Kraft, das Klima erneut zu verändern. Wir haben es bereits getan, aus Zufall. Man stelle sich vor, was passiert, wenn wir es noch mal tun? Mit vollem Bewusstsein. Wenn wir ab jetzt die Kontrolle übernehmen.
Kultur im Looping: das Kreativquartier MÉCA
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